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Interview in der Zeitschrift "BLIX" von Rainer Markus Walter

Experimente im Gewächshaus

Die Sängerin Isolde Werner gehört seit Ende der 80-er Jahre zur Stammbesetzung der oberschwäbischen Jazz-Landschaft. Den Grundstein legte sie mit dem Duo "Two Star Orchstra", und der Formation "Open House". Sie präsentierte zusammen mit der Schauspielerin Jutta Klawuhn die literarisch-musikalischen Programme "Huren, Luder 8t Xanthippen" und "Old Devil moon", und 1989 folgte ein Engagement für die Hauptrolle der Rockoper "Lyssi", mit der sie bis 1992 regelmäßig Gastspiele in Deutschland und österreich absolvierte. Seither ist sie als freischaffende Musiklehrerin tätig und steht regelmäßig mit zahlreichen Formationen vom Duo bis zur Big Band auf der Bühne. Ihre aktuelle Band nennt sich "Songlines". Seit 2004 lebt Isolde Werner in Ulm, wo sie neben ihren Live-Projekten auch noch den "Job" einer alleinerziehenden Mutter erledigt. Rainer Markus Walter sprach mit ihr über Jazz im Allgäu, die Lust auf Neues und die freie Improvisation.

BLIX: Isolde, Oberschwaben, die Gegend um Leutkirch, war in den 70- er/80-er Jahren nicht gerade eine Jazz-Metropole. Auf deiner Homepage schreibst du aber auch, dass Hannes Wader und Konsorten einst deine "Meinungs- und lebensformgestaltenden Faktoren" waren. Gab es also eine Zeit vor dem Jazz?

Isolde Werner: Allerdings. Jazz im Allgäu beschränkte sich, so weit ich es mitbekam, hauptsächlich auf Dixieland-Geschichten, so z.B.
die Allgäu-Dixie-Company, die es heute noch gibt. Diese Musik sprach mich allerdings nicht wirklich an. Ich fühlte mich zur Zeit der Protestbewegungen gegen AKWs und Pershings eher der Folk- und Smger-Songwriter-Szene zugehörig. Damals spielte und sang ich vorwiegend allein oder zusammen mit einem Duo-Partner. Später formierte sich die erste Rockband: "Easy and the Midlife Crisis". Wir spielten hauptsächlich Pretenders-Songs.

Und wie bist du dann beim Jazz gelandet?

Zum Jazz kam ich leider erst relativ spät. Ich wollte mich nach Abitur und abgeschlossener Optikerinnenlehre musikalisch weiterbilden und stieß bei der Suche nach Studien- und Fortbildungsmöglichkeiten auf Joe Vieras Workshops in Burghausen. Die Musik und der Umgang damit faszinierten mich sehr. Auch, dass diese leidenschaftliche, intelligente Musik so zeitlos war und Musiker jeden Alters euphorisch und voller Energie dabei waren. Es hatte mich emotional gepackt wie zuvor nur die Beatles, und ich wusste. dass es in dieser Richtung für mich weitergehen sollte.

Dein erstes eigenes Projekt war dann Ende der 80-er Jahre das Two Star Orchestra, ein Duo das ganze zehn Jahre deiner Vita füllt.

Es zeigte sich wohl damals schon, dass ich eher eine Freundin der kleineren Besetzungen und der leiseren Töne bin. Davon abgesehen ist ein Duo logistisch relativ einfach zu handeln. Ich hatte das Glück, zwei hervorragende Gitarristen als Duo-Partner zu haben, Günther Schreiber und Tilo, meinen Mann. Das Duo-Spiel ist eine besondere Herausforderung für beide, und ich habe sehr viel in dieser Zeit gelernt.

Kurzzeitig hast du ja sogar mal einen Ausflug in die Musical-Landschaft gemacht. War das denn eine gute Erfahrung?

Jede Erfahrung ist eine gute Erfahrung: Die Herangehensweisen, die Art, wie gearbeitet wird, die Menschen mit denen man zu tun hat etc. Die Entwicklung der Musik und die Probenarbeit waren für mich der befriedigendste Teil bei diesem Projekt. Das Schauspielern ist nicht unbedingt meine Ausdrucksform, aber auch das eine Frage des sich Hineinfindens. Es war eine spannende Sache, die ihren Höhepunkt für mich beim Premierenabend im Kornmarkttheater in Bregenz fand. Ein Schritt in der Entwicklung, eine solche Prüfung zu bestehen. Die Produktion ging danach an österreichs Schulen und schließlich nach Wien ans Theater der Jugend.

Nachdem du zusammen mit der Schauspielerin Jutta Klawuhn die literarisch-musikalischen Programme .Huren, Luder ft Xanthippen" und "Old Devil moon" gemeinsam auf die Bühne gebracht host, folgte 2004 der Umzug noch Ulm. Auf zu neuen Ufern, oder einfach nur ein Ortswechsel?

Lust auf Neues, frische Luft schnuppern, auch in andere künstlerische Bereiche eintauchen, andere Welten kennen lernen, das dringende Bedürfnis, mich weiterentwickeln zu können, letztendlich die Sehnsucht, präsent zu sein und teilhaben zu können. Dies waren Beweggründe, die mich an einen Umzug denken ließen. Ulm hat eine lebendige Kunstszene, und ich empfinde eine wohltuende Offenheit.

Wie hat sich der Sprung nach Ulm bisher ausgewirkt? Was sind denn so deine aktuellen Tätigkeiten?

Ich bin noch dabei, mich zu orientieren. Ich hatte ja schon vor dem Umzug eine interessante Szene an der Uni kennen gelernt, die EMU, experimentelle Musik Ulm unter der Leitung von Dieter Trüstedt. Ein Pool von Künstlern und Interessierten aus den verschiedensten Richtungen.
Ein "Gewächshaus", in dem gespielt, experimentiert, aufgeführt oder einfach nur sich ausgetauscht wird. Hier entstehen Geräuschkulissen, Klangräume auch in Verbindung mit visuellen Geschichten, Ausstellungen, Filme, Projektionen, Tanzperformances etc. Zurzeit arbeiten wir an elektronischen Sounds mit Laptops im Zusammenhang mit natürlichen Klangelementen wie Stimme und Kontrabass. Die aktuelle Aufgabe: es soll ein expressionistischer Stummfilm vertont werden. Es geht für mich in der EMU verstärkt um die freie Improvisation, ein Teilbereich, der mir neue Möglichkeiten der musikalischen Selbsterfahrung und des Lernens eröffnet. Ich hatte vor kurzem in München eine kleine Gesangsimprovisation zu einem von Dieter entwickelten beeindruckenden Instrument, der Regenharfe.
Das würde ich gerne auch in Ulm an einem besonderen, passenden Aufführungsort machen. übrigens gibt es jeden Montagabend von 23- 24 Uhr eine Sendung über unsere Aktivitäten bei Radio freeFM.
Nächstes Wochenende werde ich im Rahmen eines Butoh-Tanz-Workshops zusammen mit einem Cellisten eine Tanzperformance begleiten; diese interessanten Sachen, Menschen, Möglichkeiten kommen im Moment so auf mich zu, ohne dass ich mich organisatorisch darum kümmern muss. Das ist sehr Angenehm.

Dein letztes bzw. aktuelles Projektnennt sich "Songlines"- Interpretationen von großen Songs, die den Aufbruch, den Weg und die nicht enden wollende Suche nach Neuem zum Thema haben. Schwebt da womöglich etwas Autobiografisches mit?

In der Tat. Ich war im Nachhinein selbst erstaunt, dass den Songs, die ich ausgewählt hatte, hauptsächlich diese Themen zugrunde lagen. Es sind Stücke, die mit mir zu tun haben. In der Musik geht es mir um Authentizität und Wahrhaftigkeit, da spielt für mich das Leben ganz klar mit hinein. Ich war auf der Suche nach meiner musikalischen Identität.
Ich wollte keine Klischees bedienen und suchte nach meinem eigenen Sound, nach adäquaten, die Texte und mein Singen unterstützenden Arrangements. Der Blick zurück und das Alte mit dem Neuen zu verbinden war die Herangehensweise. Jetzt bin ich wieder ein wenig auf der Suche und möchte die neuen Anregungen erst einmal auf mich wirken lassen.

Dann können wir bald ein neues Projekt um Isolde Werner erleben?

Ich möchte gerne das Angebot hier in Ulm nutzen und mit meinem Background verbinden. So schwebt mir z. B. vor, Songs in einer Besetzung mit Kontrabass und Laptops zu gestalten, also organisierter als in der freien Improvisation und trotzdem offen. Auch gibt es die Idee, für eine Art Orchesterstück mit der EMU und Ulmer Musikern aus verschiedenen Bereichen. Dies umzusetzen wird aber noch eine Weile dauern. Außerdem gibt es eine Jazz-Workingband mit Leuten, die ich hier kennen gelernt habe. Darüber hinaus möchte ich mein Songlinesprojekt weiter forcieren und auch solo mit Gitarre, Gesang und Percussion bestimmte Bereiche bedienen, (Vernissagen und ähnliches). Das Problem ist natürlich immer, alles zeitlich unter einen Hut zu bekommen. So ganz frei kann ich mich leider nicht bewegen, das Unterrichten, wovon ich im Moment hauptsächlich lebe, benötigt viel Raum, und schließlich wollen der Sohn und das Privatleben ja auch auf ihre Kosten kommen.